Meine Tätigkeit als reisende Seminarleiterin bringt es mit sich, dass ich sehe, wie Pferde in anderen Ställen gearbeitet, geritten und gehalten werden. Und was ich da so zu sehen bekomme, ist schon sehr unterschiedlich.

In manchen Ställen herrscht eine richtige Wohlfühlatmosphäre. Mensch und Pferd strahlen Ruhe und Zufriedenheit aus, der Umgang ist respekt- und liebevoll und das Reiten und die Arbeit mit den Pferden ist schön anzusehen. In solchen Ställen ist es ein Vergnügen, einen Kurs abhalten zu dürfen und meine Pferdewelt ist in heiler Ordnung. 🙂

Doch leider ist das keine Selbstverständlichkeit und so sehe ich auch vieles, was so gar nicht in meine Vorstellung von pferdegerechtem Umgang, pferdegerechtes Reiten und pferdegerechte Haltung hineinpasst und ich muss es leider so krass sagen: Oftmals bin ich zutiefst schockiert!

Ja, ich habe Rollkur in übelster Ausführung im Fernsehen gesehen, schlimme Bilder in Zeitschriften oder im Internet und ich weiß, dass es in vielen Ställen ganz normal ist, dass Pferde 23 Stunden am Tag in einer Box ihr trübseliges Dasein als Sportgerät fristen. Aber so etwas „live“ im ganz normalen Reitstallalltag zu sehen, ist noch mal was ganz anderes als aus der Distanz in den Medien. Und es werden Erinnerungen in mir geweckt, an die ich eigentlich nicht erinnert werden möchte …

Wie gut ich das noch in Erinnerung habe…

Denn auch ich habe viele Stunden mit und auf Pferden hinter mir, auf die ich alles andere als stolz bin. Ja, auch ich habe nach Reitstunden Blasen an den Fingern gehabt, weil mein Pferd ja „ach so hart“ im Maul war und ich auf meinen Reitlehrer gehört habe, der mir die Anweisung gab, „gegenzuhalten“. Auch ich nutzte die Macht von Hilfszügeln  in der Überzeugung, dass der Pferdekopf ja nunmal irgendwie runtermuss, damit das Pferd „gesund“ läuft. Und ja, wenn das Pferd nicht so wollte wie ich, setzte es auch mal was mit der Gerte…

Kampf statt Tanz

Viele Einheiten waren alles andere als ein harmonischer Tanz mit dem Pferd. Es waren eher Kämpfe und es galt, als Sieger aus der Reitstunde herauszugehen. Dafür war der Einsatz von Waffen, oh Entschuldigung, ich meine natürlich das Verstärken der Hilfen 😉 ( wie z.B. ein piksender Sporen, die strafende Gerte, ein fixierender Hilfszügel usw.) gerechtfertigt, denn ich verfolgte ja schließlich die gute Absicht, das Pferd in gesunder Haltung zu reiten. Das Pferd muss ja nunmal auf die Hinterhand gesetzt werden, egal, wie viel Kraft und Hilfeneinsatz dazu nötig ist, denn ansonsten schadet das Reiten dem Pferd. So war meine Überzeugung damals. Und reißt das Pferd vor Schmerz das Maul auf, gab es ja eng zu verschnallende Sperrriemen, die genau das verhinderten…

Und hat mich jemand gefragt ob ich Pferde liebe, so habe ich aus ehrlichem Herzen „Ja!“ gesagt.

Lieben wir unsere Pferde? Wirklich?

Ich bin überzeugt davon, dass die große Mehrheit aller Reiter und Pferdemenschen die Frage, ob sie ihr Pferd lieben, mit „Ja“ beantworten. Nur, wenn ich dann mit meinem heutigen Wissen und meiner jetzigen Überzeugung und Einstellung in viel zu vielen Ställen sehe, wie:

  • Reiter an den Mäulern ihrer Pferde riegeln,
  • mit oder ohne Einsatz von Hilfszügeln die Nasen ihrer Pferde auf die Brust ziehen,
  • versuchen, jeden Tritt des Pferdes über energisches Treiben (oder eher Treten?) herauszureiten,
  • Pferde mit der Gerte geschlagen werden, die ja „ach so widersetzlich“ sind,
  • Pferdeaugen unendlichen Kummer und Schmerz ausstrahlen
  • und wenn ich Kommentare höre, wie: „Der blöde Bock will heute wieder nicht“,

bin ich zum Teil kaum noch in der Lage mich auf meinen Unterricht zu konzentrieren.

Ich gebe mir alle Mühe, diese Bilder und Gefühle während meiner Arbeit nicht an mich heranzulassen. Aber sie wirken stark in mir nach und ich kann nicht verstehen, warum anscheinend so viele Pferdemenschen trotz des Wissens, das wir heute über Pferde haben, nicht damit beginnen, ihr Verhalten kritisch zu hinterfragen.

Warum sind Kraftreiterei, ein roher, gewaltgeprägter Umgang mit Pferden und die Haltung in Einzelzellen ohne Freigang in so vielen Ställen vollkommen normal?

Viele, für die Gewalt dem Pferd gegenüber normal ist und viele, die ihre Pferde nicht artgerecht halten, sagen von sich, dass sie Pferde lieben und dass Reiten ihr Hobby ist und dass ihnen das Reiten und der Umgang mit ihrem Pferd Spaß macht. Und dann sieht man, wie die Gesichter rot vor Zorn und Anstrengung werden, hört immer wieder dieselben lieblosen Worte und sieht echte Misshandlungen an den doch angeblich so geliebten Lebewesen.

Ich verstehe diesen Widerspruch nicht und ich tue mich immer schwerer damit…

Ein Glück! Es geht auch anders

Wir alle machen Fehler und jeder kann auch mal auf falschen Wegen wandeln. Aber wir sollten eines immer tun: Unsere Handlungen kritisch hinterfragen. Wir sollten uns im Spiegel ehrlich in die Augen schauen und uns fragen, ob unsere Art zu reiten, ob unser Umgang mit dem Pferd und ob seine Haltung wirklich pferdegerecht sind. Und ob unser Pferd auch so viel „Spaß“ an unserem Hobby hat wie wir …

Ich habe heute, wie auch früher, die Absicht, meine Pferde „gesund“ zu reiten. Ich möchte meine Pferde sowohl am Boden als auch unter dem Sattel sinnvoll gymnastizieren.

Aber ich bin heute nicht mehr bereit, meine Pferde einen hohen Preis für mein Vergnügen zahlen zu lassen. Für mich ist die Vorstellung,

  • dass meine Pferde darunter leiden würden, dass ich sie reite,
  • dass sie sich aus Angst und Schmerz verspannen würden, weil ich grob mit ihren Mäulern umgehe,
  • dass ich meine Pferde mit Lederriemen in eine Haltung fixieren müsste, die ihnen mit Sicherheit nach kurzer Zeit starke Schmerzen zufügen würde,

nicht mehr zu akzeptieren. Müsste es tatsächlich so sein, dann würde ich auf „meinen Spaß“ und auf das Reiten verzichten.

Heute weiß ich aber zum Glück, dass man auch

  • ohne Hilfszügel,
  • ohne Kraft,
  • ohne mit dem Pferd kämpfen zu müssen
  • und ohne Strafe

zu dem Zielbild, ein Pferd losgelassen in gesunder Körperhaltung unter dem Reiter, kommen kann. Und heute gehe ich noch weiter und sage: und zwar nur so! Denn jedes ehrlich „gut gehende“ Pferd darf den ersten und elementarsten Punkt der Ausbildungsskala nie verlieren: die Losgelassenheit!

reiten

Losgelassenheit bekomme ich nur bei der Abwesenheit von Schmerz und Zwang

Losgelassenheit ist nur möglich, wenn das Pferd keine Schmerzen leidet und nicht drangsaliert wird. Vieles von dem, was so häufig zu sehen ist, hat für mich mit echter Versammlung oder mit einem „auf der Hinterhand sein“ oder auch nur mit einem „gut Gehen“ nichts zu tun. Was ich statt dessen oft sehe, sind für mich arme, zusammengezogenene, bemitleidenswerte Pferde!

 

Es geht wunderbar ohne Kraft und körperlicher Überlegenheit

 

Weder Reiten noch der Umgang mit einem Pferd muss von Kraft und Gewalt geprägt sein. In einem Longenpraxiskurs hat ein neunjähriges Mädchen mit einer vierjährigen Oldenburger Stute teilgenommen und hat allen Anwesenden eindrucksvoll gezeigt, dass es keinerlei Kraft und körperliche Überlegenheit braucht, um ein junges Pferd zu handeln und gymnastizierend wertvoll zu longieren. Es war einfach wunderschön, den beiden bei ihrer gemeinsamen Arbeit zuzusehen 🙂

Rahel Lea und Linette bei der Arbeit nach dem Longenkurs:

Ich weiß für mich eines mit absoluter Sicherheit

 

Sicher mache ich auch heute noch Fehler und ich habe immer noch viel zu lernen. Aber ich kann sagen, dass ich heute sehr vieles nicht mehr tue, was ich früher für „normal“ hielt und dass ich auch nicht mehr bereit dazu wäre, es zu tun. Müsste man, um ein Pferd „gut“ zum Laufen zu bekommen,

  • tatsächlich viele Kilos in der Hand haben,
  • jeden Tritt mit Kraft im Schenkel herausreiten,
  • dem Pferd beim Reiten Kummer und Schmerzen bereiten,
  • grob auf ein Pferd einwirken, damit das Pferd gesund läuft
  • und wäre Rohheiten gegenüber Pferden der Preis, den man eben für „erfolgreiche Pferdearbeit“ zahlen müsste,

dann weiß ich für mich eines mit absoluter Sicherheit: Ich würde es sein lassen! Ich würde mit Leichtigkeit auf das Hobby Reiten verzichten und mir schwören, nie wieder ein Pferd zu halten und zu besteigen!

Doch zum Glück weiß ich, dass es auch anders geht. Weder das Reiten noch der Umgang mit Pferden muss ein Krieg und Kraftakt sein. Oder anders gesagt: Sowohl das Reiten als auch der Umgang mit Pferden darf niemals ein Krieg und Kraftakt mit Pferden sein! Ist es so, läuft etwas gewaltig falsch.

Wie pferdefreundliches Reiten ausschauen kann beschreibe ich gemeinsam mit Tania Konnerth in unserem Reitkurs „Mit dem Herzen voran!“

Reitkurs_cover

Ursprünglich erschienen auf Wege zum Pferd

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 Hier findest du verschiedene Online Seminare rund um die Arbeit nach dem Longenkurs und um pferdefreundlichen Umgang und Training mit Pferden!

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24.02.2023 von 19 - ca. 21 Uhr

16.03.2023 von 19 - ca. 22 Uhr

23.03.2023 von 19 - ca. 21 Uhr

13.04.2023 von 19 - ca. 21 Uhr

Aufzeichnungen meiner Online-Seminare

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Die Longenarbeit mit Markertraining zu verbinden, ist eine wundervolle Möglichkeit, dem Pferd mit viel Spaß und Motivation eine gesunde Laufmanier beizubringen und das, was ihr auch an der Longe erarbeitet habt, in die Freiarbeit zu übertragen.

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Seitengänge sind eine tolle Möglichkeit, die Longenarbeit abwechslungsreich und gymnastizierend zu gestalten! In diesem Online-Seminar zeige ich dir, wie du die Seitengänge kleinschrittig an der Hand erarbeitest und sie später auf Distanz longieren kannst. Du lernst, wie die Seitengänge korrekt ausgeführt werden und Probleme behoben werden können.

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    Dieses Seminar führt in die Arbeit nach dem Longenkurs ein. Es erklärt, warum das Pferd eine gesunde Laufmanier erst lernen muss, woran man eine gute Laufmanier erkennt und geht auf die Basisübungen des Longenkurses ein.

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    Woran erkennst du, ob dein Pferd taktklar läuft, sich der Kreislinie entsprechend biegt und die Hinterhand aktiv ist? In diesem Online-Seminar kannst du deinen Blick schulen und erhälst wertvolle Tipps zur Verbesserung der Laufmanier.

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      In diesem Online-Seminar erhälst du viele Anregungen, wie du das langweilige Im-Kreis-Laufen in eine abwechslungsreiche und freudvolle Zusammenarbeit gestalten kannst.

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        In diesem Seminar werden die häufigsten Probleme beim Longieren besprochen, ihre Ursachen erklärt und pferdefreundliche Lösungswege aufgezeigt.

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