Das Thema Futterlob polarisiert. Für die einen ist es ein pferdefreundliches, modernes Trainingswerkzeug, für die anderen eine Quelle von Aufdringlichkeit, Frust und „erkaufter“ Mitarbeit. Die Diskussion wird dabei oft emotional geführt, mit Schlagworten wie natürlich, Beziehung, Bestechung oder Freiwilligkeit.
In diesem Beitrag möchte ich das Thema sachlich, lernpsychologisch fundiert und praxisnah betrachten, mit allen berechtigten Pro- und Contra-Argumenten.
Was Kritiker von Futterlob anführen und wo sie recht haben
1. „Pferde belohnen sich untereinander nicht mit Futter“
Das stimmt. Futterlob ist kein natürliches Sozialverhalten unter Pferden.
Gleichzeitig leben unsere Pferde nicht in einer natürlichen Umwelt. Wir verlangen von ihnen Dinge, die kein anderes Pferd jemals verlangen würde: Verladen, Stillstehen beim Tierarzt, Alleinbleiben, Reiten, Unterdrücken von Fluchtreaktionen.
Wenn wir unnatürliche Anforderungen stellen, brauchen wir auch eine Form der Motivation und Kommunikation, die in diesem Kontext funktioniert.
2. „Futterlob macht Pferde aufdringlich oder schnappig“
Auch das kann stimmen, bei schlechtem Trainingshandwerk.
Aufdringlichkeit entsteht nicht durch Futter an sich, sondern durch:
- unklare Regeln
- schlechtes Timing
- nicht verlässliche Verstärkung
- fehlende Signalkontrolle
Entscheidend ist: Verstärkt wird immer das Verhalten im Moment der Belohnung, egal womit.
3. „Die Beziehung leidet“
Diese Sorge ist verbreitet, beruht aber auf einer falschen Annahme.
Beziehung entsteht nicht durch unbezahlte Arbeit. Sie entsteht durch:
- Vorhersagbarkeit
- Klarheit
- Verlässlichkeit
- faire Konsequenzen
Ein Pferd, das nur auf Futter fixiert ist, zeigt keinen Beziehungsdefekt, sondern einen unsauber aufgebauten Trainingsrahmen.
5. „Verzicht ist sicherer als ein fehleranfälliges Werkzeug“
Das wirkt logisch, ist aber trügerisch.
Verzicht verhindert keine Trainingsfehler, er macht sie nur weniger sichtbar. Auch ohne Futter wird ständig verstärkt, oft durch Drucknachlass oder Vermeidung. Diese Motivation ist nur schwerer zu erkennen und wird kulturell seltener hinterfragt.
Was Befürworter von Futterlob oft unterschätzen
1. Futterlob ist anspruchsvoll
Sauberes Training mit positiver Verstärkung erfordert:
- präzises Timing
- klare Kriterien
- strukturierten Aufbau
- die Fähigkeit, Frust beim Pferd zu erkennen und zu managen
- emotionale Selbstkontrolle beim Menschen
Positive Verstärkung ist leicht zu erklären, aber schwer gut umzusetzen.
2. Futter ist nicht neutral
Futter ist hochwirksam. Es steigert Erregung, Erwartung und Motivation und muss deshalb aktiv gemanagt werden. Ohne Rahmen, Futterregeln und Pausen entsteht kein pferdefreundliches Training.
3. Nicht jedes Pferd profitiert sofort
Pferde mit Futterstress, Vorerfahrungen von Mangel oder hoher Sensibilität brauchen:
- langsamen Aufbau
- angepasstes Verstärker-Management
- manchmal vorübergehend andere Verstärker
Motivation oder Bestechung? Eine wichtige Unterscheidung
Motivation bedeutet: Das Verhalten wird gezeigt, weil das Pferd aus Erfahrung weiß, dass es sich lohnt.
Beispiel Verladen:
- Bestechung: Leckerli vorhalten, Pferd folgt dem Futter
- Motivation (Clickertraining): Jede richtige Idee des Pferdes rund um den Hänger wird belohnt – das Futter kommt nach dem Verhalten
Motivation basiert auf Lernerfahrung. Bestechung auf Vorzeigen.
Was ist gefährlicher: falscher Einsatz – oder völliger Verzicht?
Schlecht eingesetztes Futterlob erzeugt sichtbare Probleme und ist damit korrigierbar. Völliger Verzicht birgt die Gefahr von unsichtbarem Zwang, der als „brav“ oder „beziehungsstark“ interpretiert wird.
Sichtbare Fehler sind korrigierbar. Unsichtbare werden schnell zur Norm.
Meine persönliche Erfahrung mit Futterlob
In meiner Arbeit bin ich immer wieder mit sogenannten Problempferden konfrontiert. Pferde, die beißen, gezielt nach Menschen treten, die als gefährlich gelten. Pferde, bei denen oft geraten wird, „jetzt musst du mal richtig durchgreifen“ oder „dem musst du zeigen, wer der Boss ist“. Gerade diese Pferde haben häufig eine Vorgeschichte von viel Druck, Strenge und Härte hinter sich.
Und genau bei diesen Pferden hat sich für mich positive Verstärkung als Schlüssel erwiesen. Nicht, weil ich sie „besteche“, sondern weil ich ihnen zeige: Von mir geht keine Gefahr aus. Keine Aggression. Keine Willkür. Stattdessen klare Strukturen, faire Konsequenzen und die Möglichkeit, richtiges Verhalten zu lernen,ohne Angst.
Die Veränderungen, die ich dabei erleben durfte, waren oft beeindruckend. Pferde, die vorher massiv Fehlverhalten gezeigt haben, wurden ruhiger, kooperativer, zugänglicher. Nicht über Nacht, nicht durch Wunder, sondern durch geduldiges, konsequentes Training.
Ein Beispiel dafür ist die Stute Riado, über deren Entwicklung ich hier im Blog bereits ausführlich geschrieben habe. Schau dir gerne ihre Geschichte an, sie zeigt eindrucksvoll, was möglich ist, wenn man Pferden eine echte Alternative zu Druck und Gegenwehr bietet.
Für mich bedeutet Freiwilligkeit:
- ohne Zwang
- mit Wahlmöglichkeiten
- mit klaren, fairen Konsequenzen
Ich sehe Futter nicht als Bestechung, sondern als Information: Dieses Verhalten war richtig. Das lohnt sich.
Ich erkenne die berechtigte Kritik an schlechtem Trainingshandwerk an. Aber ich ziehe daraus den Schluss, mein Können zu verbessern, nicht auf ein wirksames Werkzeug zu verzichten.
Ich arbeite lieber mit sichtbarer Motivation als mit unsichtbarem Druck.
Fazit
Die eigentliche Frage ist nicht: „Mit oder ohne Futter?“
Sondern: Wie bewusst gehen wir mit Motivation um – und wie ehrlich mit uns selbst über die Mittel, die wir einsetzen?
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Mein Name ist Babette Teschen. Ich arbeite als Pferdetrainerin und engagiere mich im Tierschutz. Ich lebe in Niedersachsen, bin aber mit meinem Wohnmobil im ganzen Land unterwegs. Mehr über mich finden Sie
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