Ein Bericht über die Zeit auf dem Pferdehof Teschen von Teresa Moninger

Gepostet von am 26. Januar 2015

Ein Bericht über die Zeit auf dem Pferdehof Teschen von Teresa Moninger

Als ich noch Inhaberin des Pferdehof Teschen war, gab es die Möglichkeit ein Praktikum bei mir zu machen. Ein Mädchen, welches sich bei mir beworben hatte, war Teresa. Über ihre Zeit auf meinem Hof hat sie einen sehr emotionalen Bericht geschrieben, den ich hier mit Ihnen teilen darf.

Teresa lebt heute in Hamburg. Sie ist Yogalehrerin und gibt Thai Yoga Massagen. Mehr zu Teresa und ihrer wunderbaren Arbeit finden Sie hier.

Text von Teresa Moninger:

Alle sieben Jahre verändern sich angeblich ganz entscheidende Dinge in unserem Leben.

Es ist jetzt sieben Jahre her und das erste Mal schreibe ich über das, was genau zu jener Zeit war. Ich hatte mein Abitur in der Tasche, und mich für mein langersehntes Tiermedizin Studium beworben. Vor mir standen ein paar Monate, die ich für mich und mein Pferd ganz alleine nutzen wollte, mit der Gewissheit, dass es vielleicht die letzten sein würden. Weil ich mein Pferd nicht in eine andere Stadt zum Studieren mitnehmen konnte. Oder weil ich bis dahin von dieser Erde verschwinden würde.

Ich bewarb mich in einer Pferdezeitschrift, anlässlich eines Inserates, wo ein Praktikumsplatz inklusive Kost und Logis für das eigene Pferd angeboten wurde: Pferdehof Teschen. Es ist Dienstagabend, während ich dies hier schreibe, und noch genau jenen Freitag Abend erinnere, an dem ich per Anruf die Zusage erhielt.

Ich war so beschwingt wie sehr sehr lange nicht mehr, nicht wissend, dass sich ab da alles verändern würde. Wenige Wochen später führte ich meine geliebte Stute in den Hänger und meine Eltern brachten mich nach Ellringen. Auch sie in der Annahme, dass ich in wenigen Wochen zurückkommen und mein Studium beginnen würde. Ich erinnere nur die traurigen Blicke, als sie abfuhren, besorgt. Allein.

Wenn ich zurückblicke, ist es unbegreiflich, was seitdem geschah. Eine Frau mit einem Isländer war die erste Begegnung, sie war unfassbar nett und herzlich. Und ich sah die Pferde auf der Sommerweide und hatte Angst. Angst, allein zu sein.

Angst vor all den Blicken. Angst, zu viel Zeit zu haben. Denn ich wusste, was sie sahen. Vom Verstand. Ich selbst sah mich anders.

 

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Nach einem ersten Gespräch mit Babette war ich eingeschüchtert, sie sprach direkt meinen Gesundheitszustand und auch den meines Pferdes an. Ich kannte vorher eher sehr strikt organisierte Höfe, Pferde in Boxen, Hornhaut an den Händen vom vielen Ausmisten. Das hier war anders. Alle waren so menschlich. Alle irgendwie gleichwertig und relativ schnell lernte ich jede einzelne Persönlichkeit schätzen. Sowohl die der Pferde als auch die der Menschen.

Babette strahlte für mich eine gewisse Unnahbarkeit aus. Ihr bei der Arbeit mit Pferden zuzusehen, entspannte mich dennoch. Sie war nie böse zu den Tieren, es gab keine sinnlosen Sanktionen, keine Befehle. Das war bis dahin für mich neu. Ich richtete mich dort schnell ein in meiner Rolle, die ich auch Zuhause bis zur Perfektion beherrschte: Alles mehr als gut machen, Lob erhoffen, das Lob dann nicht wirklich annehmen können, es abwimmeln, mich aber kurz geliebt fühlen. Keine Fehler machen, wenn doch, mich dafür bestrafen. Auf keinen Fall mit anderen Menschen essen. Meine Mauer aufrecht erhalten.

Nur die Pferde. Die schafften es, dass ich weich wurde. Da war dieser große Schwarze. Honduras. Er wollte alles richtig machen. Ein tadelndes oder zu barsches Wort und er wurde ganz hektisch und verschreckt. Ich habe so viel von ihm gelernt. Irgendwann ritt ich ihn ohne Sattel zur Weide und auf dem Platz. Wir galoppierten und ich habe da verstanden, wie ich bin. Dass ich alles richtig machen will, Angst vor Tadel hab. Er hat mich sehr gut gespiegelt. Und auch wenn es Jahre dauerte, bis ich lernte mit mir so umzugehen, so habe ich da gelernt, zu lieben. Nichts zu verlangen. Sehr, sehr vorsichtig zu sein und auszustrahlen, dass er wunderbar ist, so wie er ist.

Und Jamiro. Babette bat mich, mit ihm zu arbeiten, da er so frech war und nur rumstand. Von der ersten Sekunde habe ich seine kecke Art geliebt. Er erinnerte mich an mein erstes Pferd. Frech aber nie böse. Und er rührte in mir das, was ich so lange vergraben hatte, meine kindliche, naive, spielerische Seite. Ich pflegte seine Narbe an der linken Schulter mit Narbensalbe, in der Hoffnung, dass sie eines Tages unsichtbar würde. Und in gewisser Weise hoffte ich, dass auch meine Narben verschwinden würden. Diese beiden Pferde wurden dort meine Seelenpferde. Neben meiner Stute, die aber eher das Sorgenkind war. Nicht gut aufgenommen von der Herde, trotz täglichem Zusatzbrei immer dünner werdend. Kaum Muskulatur und wenig Freude am Gehen.

Meine Aufgaben waren die ersten Wochen aufgeteilt mit den beiden anderen lieben Praktikantinnen. Pferde auf die Futterwiese lassen und zurücktreiben. Zweimal täglich. Ein paar wenige Boxen misten. Wasser prüfen. Die Reithalle fegen und harken. Pferde für Babette holen. Ich liebte alles. Ich arbeitete, war immerzu draußen, ging morgens joggen. Alles funktionierte besser als Zuhause, etwas besser, weil ich immerzu in Bewegung war. Dies ist auch heute noch oft so. Bewegung hilft mir, mich positiv zu spüren.

Ich durfte am Reitunterricht teilnehmen und lernte von Babette eine neue Art des Reitens. Fühlender, zuhörender. Lobender. Es wurde mit Leckerlie das belohnt, was ich früher als selbstverständlich voraussetzte. Es wurde Bewegung gedacht, statt mit den Schenkeln getrieben. Ich lernte die Mimik der Pferde besser zu lesen. All diese Dinge musste ich lernen mit den Pferden. Um sie irgendwann an mir zu lernen. Dankbar zu sein, mir selbst zuzuhören. Mich zu fühlen. Lob anzunehmen. Bis die Sorgenfalten weniger wurden.

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Babette hat selten Lob ausgesprochen in der Form, in der ich es kannte. Und das war so hilfreich. Ich musste nicht mehr abhängig von Lob oder Tadel sein. Ich lernte ein bisschen, einfach zu sein. Drei Wochen nachdem ich angekommen war, in Höchstform jeden Morgen joggend, reitend, laufend, kehrend, Pferde treibend, brach ich mir den Fuß. In der hinteren rechten Ecke rutschte Jamiro aus, im Galopp und fiel auf meinen rechten Fuß. Für mich die körperlich schmerzvollste Nacht. Und was folgte, war die Gewissheit, dass mich Babette nun nach Hause schicken würde. Eine Praktikantin, die nicht laufen konnte, ist wertlos. Ich hätte es sehr gut verstanden. Es wäre in Ordnung gewesen. Und wieder wurde ich überrascht. Es stand für sie gar nicht zur Debatte, ich sollte und durfte bleiben.

Und bekam vom Leben dadurch die Chance, mich zurückzunehmen, ohne wertlos zu werden.

Dass ich mit Stützschuh Ställe mistete, bis das Teil zum Himmel stank und drei Stunden auf dem Pferd von Babettes Tochter und meiner Freundin Lena an die Elbe ritt, versteht sich von selbst. Das Gefühl, getrennt zu sein, separiert, konnte ich nie ablegen, solange ich mit Menschen zusammen war. Doch die Pferde waren eine Brücke, die mir so vieles erleichterte.

Babette zeigte mir, wie ich meine Stute Another Starlet besser trainieren konnte. Ich hörte auf, sie zu reiten, sondern wir longierten sie, nach wenigen Wochen konnte man schon eine Verbesserung sehen. Auch wenn Starlet einfach nicht mehr diese unbeschwerte Freude am Gehen erlangte. Babette und Lena und Juli lehrten mich in zirzensischen Lektionen, um auch Starlet wieder etwas Leichtigkeit und Freude zurückzugeben. Sie lernte in Windeseile einen Teppich aufzurollen, zu wippen, Hufball zu spielen, den spanischen Tritt, Verbeugung und sogar einen kleinen Beutel aufzuheben.

Und dabei zeigte sie etwas bisher nie Dagewesenes: jugendliches Leuchten in ihren Augen. Sie wurde selbstbewusster. Ich werde nie vergessen, wie ich sie eines Tages von der Wiese auf mich zulaufen sah und sie zur Begrüßung ungefragt den spanischen Schritt zeigte.

Parallel durfte ich viele verschiedene Pferde reiten, den großen sanften Friesen Riesen Fokke, das ehemalige Turnierpferd Dolmach, dem man die Turnierjahre an Beinen und im Gesicht ansah, Babettes beide Spanier Mariscal und Pepe, meine Lieblings-Isländerstute Hetja, Ausbildungspferde. Fanta, die sensible Warmblutstute. Das sind alles Namen und Rassen, aber ich habe zu jedem dieser Pferde ein Gesicht, ein Auge, ein Ausdruck, ein Gefühl in mir. So große Persönlichkeiten. Irgendwann pimpte ich mein Taschengeld, indem ich Zeichnungen anfertigte von den Einstellerpferden, die die Besitzer mir abkauften. Das war wunderschön, weil ich die Seelen kannte. Und natürlich, weil ich mich nutzvoll fühlte 😉

Eines Morgens hörte meine Stute auf, zu fressen. Sie verweigerte jedes Leckerlie, worüber sie sich sonst immer so freute. Ich erinnere, wie ich sie von der Weide brachte. Die dunkle Wolke über uns. Ich habe da schon gespürt, dass etwas passieren wird. Babette rief ziemlich schnell den Tierarzt und der stellte eine Kolik fest. Es folgte eine lange Prozedur an Öleinlauf, Medikamenten, Spazierenführen. Irgendwann nachmittags sah mich Babette an und sagte mir, ich solle versuchen, Starlet zu motivieren, weil ihr Lebenswille aus ihren Augen verschwände. Da habe ich verstanden, dass Babette es fühlen kann. Und ihr vertraut. Mit allem. Zum ersten Mal.

Ich versuchte Zirkuslektionen mit ihr zu machen, aber sie wollte nicht. Am Abend riefen wir den Tierarzt zum zweiten Mal. Er hing sie an den Tropf. Wir deckten sie ein, die Reitschüler sprachen ihr Mitgefühl aus. Starlet wollte nicht mehr aufstehen. Als es dunkel und still im Stall wurde, beschloss Babette, dass wir Starli in den Longierzirkel bringen müssten, damit sie mehr Platz hat und sich nicht festlegen würde. Ich blieb bei ihr, neben ihr mit Schlafsack. Sie stöhnte. Und stand nicht mehr auf. Nur einmal. Voller Qual.

Babette saß neben mir im Sand. Ich sah sie weinend an, und stellte ihr die Frage, die alles beantwortete, was uns quälte: Wird sie sterben? Und wie es nicht anders zu erwarten war, sah Babette mir ehrlich und klar in die Augen, nickte und sagte, ja.

Um sechs Uhr morgens weckte mich Babette, wir gingen zu Starlet und sie sagte mir, dass sie vielleicht darauf wartete, dass ich sie gehen ließ. Jahre später, sechs Jahre später erinnerte ich mich an genau diese Worte, als ich am Bett meiner Mama stand, und sie losließ. 

Als es hell war, kam der Tierarzt. Wenig liebevoll zwangen wir mein geliebtes Pferd, was mich zehn wundervolle Jahre begleitete, in die Reithalle und auf die Beine. Die rektale Untersuchung und das völlige Erlöschen der Darmgeräusche ergaben eine Blinddarmverdrehung. Da sie nicht mehr stehen konnte, war ein Transport in die Klinik ausgwegslos. Und so musste ich über das Leben meines besten Freundes entscheiden.

Und ließ sie einschläfern.

Wir blieben einen Moment, einen viel zu kurzen Moment alleine. Ich legte mich an ihren Hals, bis sie starb. Draußen leuchtete ein Regenbogen über der Reithalle.

Es ist immer noch Dienstag, während ich hier sitze und schreibe. Und weine, wie ich lang nicht mehr darüber geweint hab.

 

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Dinge wiederholen sich. Bis sie nicht mehr Teil und Thema deines Lebens sind.

Ich habe mein Pferd stöhnen sehen, leiden. Leere Augen.

Ich habe meine Mama liegen sehen. Weit weg. Keine Augen.

Dinge wiederholen sich. Bis du sie verstehst.

Ich bin nicht dabei, als sie meine Stute tot aus der Halle ziehen. Ich sitze mit Babette im Wohnzimmer. Ungläubig. Fassungslos. Da fängt ihr kleiner Hund Dunja an, wie verrückt zu bellen. Sie steht vor der gegenüberliegenden Wand und bellt sie an. Babette und ich sehen erst nicht warum, bis wir einen ganz kleinen Regenbogen am oberen Teil der Wand sehen. Ich weiß, es klingt nicht real, vielleicht sogar kitschig. Noch mehr weiß ich, dass er da war. Und auch, warum.

Ich ging radfahren. Schnell. Kalt. Leer. Und ich sah am Nachmittag einen zweiten Regenbogen. Als ich zurückkam, war ein Fax angekommen von meiner großen Schwester, worin sie ihre Traurigkeit ausdrückte und mir erzählte, dass sie spazieren war und einen Regenbogen gesehen hatte, und an Starlet gedacht hatte.

Starlet kam in mein Leben als ich neun Jahre alt war. Noch heute erzähle ich allen Menschen, die mich fragen, und auch die, die es nicht tun, dass der Tag ihrer Ankunft der schönste meines Lebens war. 1997. Sie hat meine Kindheit erlebt. Ich hab gespielt, wir wären Indianer, hab gespielt, wir ritten als Schnellste ein Rennen, da sie doch ein Quarter Horse ist.

Sie hat mich Reiten gelernt. Und das Vertrauen meiner ganzen Familie gewonnen. Sie hat meine Jugend erlebt. Den Tod unseres ersten Pferdes. Sie hat mich einmal in die Augenbraue gebissen, als ich bei ihr im Paddock saß und nicht mehr aufhörte zu weinen. Sie war mein Morgen vor der Schule und mein Mittag danach, sie war mein Nachmittag vor dem Sonnenuntergang und meine Nacht vor dem Schlafen. Sie hat alles auf sich genommen ab da, alles getragen.

Ich bin abgemagert, und sie tat es mir gleich.

Ich war geplagt von Bauchschmerzen und sie starb an eben solchen.

Würde ich sie heute auf einer Weide treffen, oder vielleicht frei, ich würde auf sie zu gehen. Ein kleines Stück. Und warten. Bis sie Lust hat, auf mich zu zukommen. Und ich würde ihr danken, und mich entschuldigen. Für die Strenge, für die Ungeschicktheit, für meine harten Knochen, für jedes laute Wort. Für jeden von ihr ungewollten Ritt. Würden wir uns wiedersehen oder nochmal von vorn beginnen, ich würde nie wieder auf ihren Rücken steigen. Ich würde sie nie wieder von der Weide zerren. Ich würde einfach warten, da sein, mit ihr sein, sie freilassen.

Ich erinnere nur noch den nächsten Tag, wo ich hinaustrete und da liegt der tote Körper meiner Stute unter dem Herbstbaum. Zugedeckt mit einer großen Plane, die aber die Umrisse deutlich erkennen lässt. Ich decke ihren Hals und ihren wunderschönen fuchsfarbenen Kopf mit der zarten Blesse auf, lege meine Wange auf ihre, in dem Moment, diesem einen Moment, wo meine Tränen in ihre Augen laufen und es aussieht, als ob sie weinen würde, fallen zwei Herbstblätter vom Baum auf uns. Und unser gemeinsames Leben geht zu Ende.

In der Zwischenzeit hatte ich eine Studiumsabsage mit Hinweis auf fünf lange Jahre Wartezeit. Ich entschied, bei Babette zu bleiben. Auf dem Pferdehof, auf dem mein Pferd gestorben war. Und auf dem fast wöchentlich liebevolle Briefe meiner Mama ankamen, in denen sie ihr Leben schilderte und ihr Vermissen ausdrückte.

Babette half mir mit meiner Zukunftsplanung und so begann ich mein Studium zur Pferdephysiotherapie bei Equo Vadis.

Da ich schon länger mit Jamiro gearbeitet hatte, konzentrierte ich mich noch mehr auf ihn und ich begann, ihn so sehr zu lieben, dass ich es bis heute nicht übers Herz bringe, ihn bei seiner neuen Besitzerin zu besuchen. Er fehlt mir immer noch.

Mittlerweile war ich die einzige Praktikantin, was ich total super fand, da ich dann alles so machen konnte, wie ich wollte und mehr zu tun hatte.

Babette überließ mir nach und nach die Kinderreitstunden und ich unterrichtete gerne und mit all dem Gefühl, was sie mir beigebracht, geweckt oder gefördert hatte. Aufgeregt und voller Selbstzweifel blieb ich trotzdem. Die Tage bei Equo Vadis waren für mich purer Stress. Ich hasste Autofahren. Ich konnte bis dato nicht in Gesellschaft anderer essen, das heißt ich hungerte, fuhr im Dunkeln zurück, trieb die Pferde in den Paddock und dabei wollte ich doch alles lernen.

Ich schaffte es nicht. Es raubte mir so viel Kraft. Also beendete ich die Ausbildung vor Beginn des zweiten Jahres. Ohne Abschluss.

Wie war das noch mit den sich wiederholenden Dingen?

Ich hab vier Jahre später mich erneut bei Equo Vadis angemeldet. Schon in Hamburg lebend.

Da passierte das mit meiner Mom. Und es war für mich ein deutliches Zeichen, dass ich dort nicht mehr hingehen möchte. Glücklich war ich dort ohnehin nie.

Auf Babettes Hof kamen immer mehr sogenannte Problempferde an. Babette fand ausnahmslos zu allen den richtigen Draht, ich durfte mit den Pferden arbeiten, was mir eine große Ehre war. Ganzheitlich wurden die Pferde betrachtet, es wurde viel am Boden geübt, nie habe ich jemanden sein Pferd anschreien oder schlagen sehen.

Ich lernte, zu erkennen, welche Seite schiefer war, und musste immer schmunzeln, weil Babette mit schiefem Kopf longierte 🙂

Manchmal ritten wir aus. Mit Juli und Lena ritt ich öfter aus. Es war für mich ungewohnt, so viel im Wald zu reiten, oft die gleichen Strecken, aber ich lernte das Moos lieben, die Galoppstrecken (bei uns zuhause ist jede Strecke eine Galoppstrecke), und den sandigen Heideboden, die kühle Luft. Weniger die fiesen Bremsen.

Die Schiefe der Pferde wurde eines der wichtigsten Themen in der körperlichen Ausbildung. Babette zeigte mir, wie man Pferdehälse massierte, um ihnen zu mehr Wohlbefinden zu verhelfen. Das war für mich damals neu und auch anstrengend, aber die Pferde liebten es.

Interessanterweise bin ich heute Thai Yoga Masseurin und massiere Menschen. Und das sogar unfassbar gerne. Es ist natürlich anders und wesentlich intimer, einen Menschen zu massieren, aber ich erinnere, dass ich dieses Wohlgefühl, was die Pferde erlebten, auch mir damals schenkte.

Darin liegt die Gemeinsamkeit, massiere ich heute, ist es, als würde ich mich selbst massieren. Nach vielen vielen Reitstunden konnte ich auch das ständige Treiben mit den Beinen ablegen und mein Becken wurde lockerer. Gleich ist es Mittwoch und ich merke, wie mir die alten Reitstunden auf gewisse Art fehlen. Und ich zugleich weiß, dass es heute nicht mehr so ginge. Ich bin nicht mehr sicher, ob ich reiten würde. Ich liebe es. Ohne Frage. Aber ich stelle mir nicht mehr allein die Frage und vor allem treffe ich nicht mehr allein meine Entscheidungen.

Ein Tier lieben ist einem Tier zuhören. Vielleicht ist das mit Menschen genauso. Vielleicht trainiere ich jetzt mit Menschen. Da die selbst entscheiden können. Es gibt für alles eine Zeit. Die Zeit des Tuns, die Zeit des darüber Nachdenkens, die Zeit des Ablehnens, die Zeit des Loslassens. Und des Entdeckens.

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